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Großmachtpolitik und Freiheitskampf


Auteur : Fadil Rasoul
Éditeur : Date & Lieu : 1988, Wien
Préface : Pages : 244
Traduction : ISBN : 3-900370-12-5
Langue : AllemandFormat : 125x210 mm
Code FIKP : Liv. Ger. Ras. Ero. N°1499Thème : Général

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Großmachtpolitik und Freiheitskampf

Großmachtpolitik und Freiheitskampf

Fadil Rasoul

Junius


Seit Jahrzehnten kämpfen Kurden um die nationalen Rechte ihres Volkes: 20 Millionen Menschen, aufgeteilt auf fünf Staaten, ohne größere internationale Unterstützung.

Fadil Rasoul analysiert die internationale Konstellation der kurdischen Frage vom Zerfall des Osmanischen Reiches bis zum iranisch-irankischen Krieg. Er zeichnet die Geschichte der kurdischen freiheitsbewegung, vor alem im Irak, nach, die Positionen der Großmachte, der Staaten der Region, die wechselnden Biindnisse. Der Schwerpunkt liegt auf den Beziehungen zwischen den Kurden und der Sowjetunion: jener Großmacht, die — geopolitisch und ethnisch direkt betroffen — seit dem Zweiten Weltkrieg wie keine andere in den Konflikt eingegriffen hat.

Rasoul legt dar, wie die Sowjetunion, von der Oktoberrevolution bis zu Gorbatschow, ihre praktische Politik und ideologische Haltung gegeniiber der kurdischen Nationalbewegung je nach ihren sicherheitspolitischen und Großmachts-Interessen bestimmte und veranderte; wie ihre Schwenks den kurdischen Freiheitskampf beeinfluBten, wie die kurdische Freiheitsbewegung sich durch alle Biindnisse hindurch ihre Unabhangigkeit bewahren konnte.



Fadil Rasoul, geboren 1949 in Sulai-maniva/Irak, langjähriger Aktivist der kurdischen Nationalbewegung, seit 1982 in Europa, Politikwissenschaftler. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Analyse der Situation im Nahen Osten, Autor u. a. von „Irak-Iran. Ursachen und Dimension eines Konflikts“, Wien 1987, Fadil Rasoul ist Chefredakteur der Zeitschrift „Alhiwar“ (Dialog).

 



1. EINLEITUNG


Die Kurden sind ein Zwanzig-Millionen-Volk' ohne Staat. Obwohl sich mit den internationalen Verträgen, die während des Ersten Weltkrieges und kurz danach geschlossen wurden, die Hoffnungen der Kurden auf einen eigenen Staat zerschlugen*, ist die kurdische Frage bis heute nicht gelöst. Die kurdische politische Bewegung ist in den letzten sechzig Jahren trotz aller Schwankungen ein bedeutendes Phänomen im innenpolitischen Leben jener Länder gewesen, in denen Kurden leben. Die kurdische Frage war und ist für die innere Stabilität dieser Länder, für die Konflikte zwischen den Staaten des Nahen Ostens und für die Politik der Großmächte von großer Bedeutung.

Die Staaten im Nahen Osten - besonders die von Kurden bewohnten - haben eine schwache innere Struktur und Probleme mit ihrer Identität und Einheit. Sie umfassen keine im religiösen und nationalen Sinne einheitliche Bevölkerung*. D^rin liegt ein wichtiger Grund für die starken politischen Erschütterungen der letzten Jahre. Der Konkurrenzkampf zwischen den Großmächten um diese Region ist ein weiterer Grund für die Instabilität.

Ein kurzer Blick auf die Fakten zeigt, daß die Länder in nächster Zeit nicht in der Lage sein werden, ihre Gegensätze zu lösen und Stabilität zu erreichen. Wir können sogar sagen, daß sich einige Länder - besonders jene, in denen Kurden wohnen, wie Irak und Iran - am Anfang eines Desintegrationsprozesses befinden, in dem sich die inneren Gegensätze sowohl zu einem regionalen als auch zu einem internationalen Konflikt entwickeln könnten. Es handelt sich hier um eine historische Phase, die nicht nur die Kultur der Regionen in Frage stellt, sondern auch die politischen Grenzen.

Diese Entwicklung zeigt, wie wichtig es auch unter dem Blickwinkel der internationalen Politik ist, die politische Bewegung des kurdischen Volkes zu studieren, besonders in Zusammenhang mit regionalen Konflikten und - wie in dieser Arbeit - mit der Großmachtpolitik der Sowjetunion. Vor allem aber ist es natürlich für die Kurden selbst und die kurdische Nationalbewegung notwendig,- die Geschichte ihrer nationalen Beziehungen und ihrer Stellung in der internationalen Politik aufzuarbeiten.
Das Thema Kurdistan und die sowjetische Nahost-Politik ist bisher in seiner Gesamtheit noch nicht untersucht worden, nur Teilaspekte wurden bereits analysiert.

In Rußland hat sich die Kurdologie, auch mit dem politischen Interesse des Staates verbunden, schon während des Zarismus entwickelt*. Nach der Oktoberrevolution haben russische Orientalisten wie Minorski' und B. Nikitine6 in ihren Arbeiten über die Kurden die politischen Interessen Sowjetrußlands und ihr Verhältnis zu den Kurden behandelt. Die Tatsache, daß die beiden Orientalisten während des Ersten Weltkrieges als russische Diplomaten in enger Verbindung mit den Kurden standen, gibt ihren Arbeiten eine zusätzliche Relevanz. In der Zwiscnenkriegs-zeit ließ das sowjetische Interesse an Kurdologie und Orientalistik nach. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Beschäftigung mit Kurdistan neue Bedeutung. Dennoch beschränken sich die in der Sowjetunion erschienenen Arbeiten über die Kurden auf die kurdisch-russischen Beziehungen in der zaristischen Ära7 und klammern die kurdischsowjetischen Beziehungen aus. Besonders Ereignisse, in denen ein sowjetischer Einfluß auf die kurdische Nationalbewegung bestand, wie die kurdische Republik Mahabad 1946, sind in den sowjetischen Arbeiten* einem Tabu unterworfen.

Das Buch von K. Ahmed Kurdistan während des Ersten Weltkrieges9 untersucht auch die Beziehungen Rußlands mit den Kurden und stellt für diese Arbeit eine wichtige Quelle dar.
Die Auswirkungen der Oktoberrevolution auf die kurdische Nationalbewegung wurden von vielen kurdischen Forschern und Historikern zu hoch eingeschätzt. Vor allem diese Periode wurde nicht gründlich genug erforscht. Während Ahmed versucht, Thesen und Antithesen ausführlich zu analysieren"5, verherrlichen andere Autoren, z. B. Talabani“ und Qassimlu“, die Auswirkungen der Oktoberrevolution, belegen ihre Behauptung in ihren rein politischen Schriften jedoch ungenügend.
Der wichtigste Grund dafür, daß unser Thema bisher nahezu unerforscht ist, liegt in seiner politischen Empfindlichkeit. Sowohl sowjetische als auch kurdische Autoren haben das Thema wegen der offiziellen politischen Zensur zu umgehen versucht. Einige Aspekte des Themas wurden auch in Beiträgen westlicher Autoren behandelt. Die meisten sind oberflächliche Untersuchungen, es gibt aber auch einige wertvolle Analysen wie z. B. den Artikel von Archie Roosevelt jr. Die Kurdische Republik Mahabad" und das Buch von William Eagleton jr. The Kurdish Republik of 1946". Obwohl beide Autoren amerikanische Diplomaten waren, gelten ihre Arbeiten als wissenschaftliche und relativ objektive Beiträge. Der Artikel von Westermann Kurdish Independence and Russian Expansion" beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Periode, hat aber nur geringen wissenschaftlichen Wert, da der Autor nur über geringe Kenntnisse der kurdischen Nationalbewegung und Geschichte verfügt. Zu den neuesten Beiträgen zählt der Artikel von S. Othman Anmerkungen über die kurdo-sonjetischen Beziehungen16

In seiner ausführlichen Arbeit Die kurdische Nationalbe-wegung im Irak hat F. Ibrahim einige Aspekte des kurdischsowjetischen Verhältnisses behandelt17.
In den meisten der genannten Beiträge wird die kurdische Nationalbewegung kaum in ihrer Bedeutung für die regionalen und internationalen Konflikte und die sowjetische Nahostpolitik analysiert.
Im vorliegenden Buch werden die kurdisch-sowjetischen Beziehungen und ihre historischen Hintergünde im Zusammenhang mit der sowjetischen Nahost-Politik untersucht und Entwicklungsmöglichkeiten im Rahmen des zu erwartenden Desintegrationsprozesses im Nahen Osten aufgezeigt. Da die kurdische Frage und die kurdische Geschichte ein allgemein wenig bekanntes Thema sind, ist der Arbeit ein kurzes Kapitel über die kurdische Geschichte und die kurdische Frage in den internationalen Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg vorangestellt.

In unserer historischen Untersuchung sind wir verschiedenen Problemen begegnet. Die kurdische Geschichte ist nicht genügend erforscht. Viele Aspekte und Zusammenhänge des Themas liegen bis heute im Dunkel. Vor allem aber wird das Thema häufig nur von verschiedenen politischen Gesichtspunkten aus und nach verschiedenen politischen Interessen behandelt. Während sich sowjetische als auch kurdische Flistoriker sparsam, vorsichtig und diplomatisch zu unserem Thema äußern, übertreiben viele westliche und besonders amerikanische Quellen den sowjetischen Einfluß auf die kurdische Nationalbewegung. Barzani wurde oft als „roter Mullah“ bezeichnet'8 und die kurdische Nationalbewegung nicht als selbständige Bewegung, die zeitweilig unter bestimmten Bedingungen mit der Sowjetunion und anderen Großmächten kooperierte, sondern als eine Erfindung der Sowjetunion'9. Von den regierenden Schichten der Staaten, in denen die Kurden wohnen, wurde die kurdische
Nationalbewegung als Spielball und verlängerter Arm der Sowjetunion oder anderer Großmächte denunziert20. Das Ziel ist klar: Die Legitimität der kurdischen Bewegung soll in Frage gestellt werden. Die Supermächte beschuldigen sich auf diese Weise gegenseitig: die USA sehen in jedem Ereignis in der Region ein sowjetisches Eindringen21, und die sowjetischen Quellen bezeichnen nationale Bewegungen oft als imperialistische Verschwörung. Im Irak z. B. wurde dieselbe Führung, die eine Zeitlang von der Sowjetunion unterstützt wurde, später als pro-imperialistisch bezeichnet22.

Diese Art von Betrachtung unterschätzt die Selbständigkeit der lokalen Ereignisse und Bewegungen. Obwohl die Großmächte in der Region zunehmend aktiv werden, haben die Bewegungen ihnen gegenüber in den letzten Jahren einen größeren Spielraum gewonnen. Unterschätzt wurde auch, daß die lokalen und regionalen Konflikte einen gewissen Einfluß auf die Großmachtpolitik ausüben und sie manchmal in bestimmte Konflikte verwickeln’’. Wir versuchen in unserer Arbeit die Einflußnahme der sowjetischen Großmacht in der kurdischen Nationalbewegung und die zukünftige Perspektive dieser Einflußnahme so objektiv wie möglich darzustellen und ebenso den selbständigen Mechanismus der kurdischen Nationalbewegung zu zeigen.

Folgende Fragen sind hervorzuheben:
- Was sind die Ziele der sowjetischen Großmachtpolitik im Nahen Osten?
- Welches Gewicht haben die kommunistischen Parteien der Region bei der Verwirklichung dieser Ziele?
- Wie stabil sind die regionalen Allianzen, durch die die Sowjetunion ihren Einfluß in der Region verbreitet?
- Welche Entwicklungen haben die nationalen Befreiungsbewegungen zur Zusammenarbeit mit der Sowjetunion geführt und wie haben die sowjetischen Kommunisten die Kooperation ideologisch legitimiert?

- Wie weit kann die Sowjetunion ihre Beziehung zur kurdischen Nationalbewegung für eine Einflußnahme in der Region ausnützen?
- Die vorliegende Arbeit stützt sich vor allem auf folgende Quellen:
- Literatur und Quellen über die globale sowjetische Strategie im Nahen Osten.
- Literatur und Quellen über die Geschichte der Kurden und die Entwicklung der kurdischen Nationalbewegung.
- Zeitschriften, Zeitungen, politische Deklarationen und Dokumente von kurdischen Parteien.
- Briefe und Dokumente meines persönlichen Archivs, die ich während meiner politischen Aktivität gesammelt habe.
- Interviews mit führenden Persönlichkeiten der kurdischen Nationalbewegung, die auf Grund ihrer wichtigen Position innerhalb der Bewegung eine wesentliche Rolle in der Beziehung mit der Sowjetunion gespielt haben, unter ihnen: Ibrahim Ahmed (Generalsekretär der DPK-Irak 19s 1-1970); Muhamad Abdulrahman (Sami) (Mitglied des Politbüros der DPK-Irak 1965-1975,
Minister für Nordirakische Angelegenheiten 1970-1974); Kamal Fuad (Mitglied des ZK der DPK-Irak, später Mitglied des ZK der PUK, verantwortlich für Außenbeziehungen); Ismet Sharef Vanly (offizieller Repräsentant der DPK-Irak 1965-1975, Führer der,.kurdi-schen Delegation in der UNO 1963, 1974); Nuri Schauais (Mitglied des ZK der DPK 1946-197s, irakischer Minister 1970-1974). Viele Informationen, die durch diese Interviews gegeben wurden und bisher nicht veröffentlicht $ind, betreffen aktuelle Ereignisse und sind daher mit der Sicherheit der Interviewten und ihrer politischen Funktion eng verbunden. Daher wurden ihre Namen bei Quellenangaben oft nicht zitiert. Obwohl die Interviews von großem Nutzen waren, trage ich allein die Verantwortung für den Inhalt der Arbeit.

Die Erstfassung der vorliegenden Arbeit wurde im Sommer 1985 geschrieben. Bei der Neubearbeitung wurden Publikationen, die zum Zeitpunkt der Fertigstellung der Erstfassung noch nicht verfügbar waren, und die neueren Entwicklungen berücksichtigt. Die neuesten Schriften zum Thema sind auch im Literaturverzeichnis angeführt. Erwähnenswert ist vor allem Howells The Soviet Union and the Kurds, eine Arbeit, die mir bei der Erstfassung nur zu einem Teil bekannt war und die - obwohl sie den sowjetischen Einfluß in der Region zu hoch ansetzt und überbewertet -wertvolle Informationen und Dokumente enthält. Sehr wertvoll für die Neufassung war auch Massoud Barzanis Buch Barzani und die kurdische Befreiungsbewegung, in dem viele Briefe und Dokumente Mustafa Barzanis zum erstenmal veröffentlicht sind.

Es ist mir ein Anliegen, an dieser Stelle Dank zu sagen: Herrn Prof. Heinrich Schneider und Herrn Prof. Hans Georg Heinrich für ihre wertvolle Unterstützung und ihre
anregenden Bemerkungen; meinen im ersten Kapitel genannten Interviewpartnern, die mit ihren wichtigen Informationen meine Arbeit bereichert haben, und allen denjenigen, die mir durch ihre vertraulichen Interviews geholfen naben; den kurdischen Kollegen aus der Sowjetunion, die mir Dokumente geschickt und russische Texte übersetzt haben; Herta Ott und Renate Faistauer und dem Lektorat, ohne deren wertvolle Hilfe die Arbeit in der jetzigen Form nicht hätte erscheinen können.



2. Die Kurden und die kurdische Nationalbewegung


Da die Geschichte des kurdischen Volkes aus verschiedenen Gründen nicht gut erforscht und noch wenig bekannt ist, bringen wir hier eine kurze Darstellung als Einleitung zu unserem Hauptthema Die Kurden und die Sowjetunion.

Zu den wenigen wertvollen Beiträgen zur kurdischen Geschichte gehören die Schriften europäischer und russischer bzw. sowjetischer Orientalisten. Die russischen und europäischen Beiträge auf diesem Gebiet erreichten ihren Höhepunkt am Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als Rußland und die europäischen Mächte ein großes Interesse am Osmanischen Reich und an den Völkern des Nahen Ostens zeigten1. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Aufteilung der Region in neue machtpolitische Sphären und nach der Entstehung moderner stabiler Staaten erlosch das Interesse der europäischen Orientalistik an dem Thema2. Die orientalischen Forschungen in der Sowjetunion über die Kurden hingegen wurden fortgeführt, sind aber stark geprägt von der offiziellen Politik des Staates3.

Das kurdische Volk selbst, das nie einen festen Staatsapparat und weder wirtschaftliche noch wissenschaftliche Institutionen ausgebildet hat, hat kaum die Möglichkeit, Wissenschaftler hervorzubringen, die nach der eigenen Geschichte forschen können4. Die wenigen Arbeiten über die kurdische Geschichte, die von Kurden selbst oder anderen Autoren des Nahen Ostens geschrieben wurden, sind von direkten politischen Tendenzen und spezifischen Interessen geprägt: oft wurde die kurdische Geschichte von Historikern, die den regierenden Schichten dienten, verfälscht5 und von kurdischen Nationalisten mit Ungenauigkeiten und Übertreibungen dargestellt6.

In diesem Kapitel soll ein kurzer Abriß über den Ursprung des kurdischen Volkes und seine Geschichte gegeben werden. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der neueren politischen Geschichte und der Kristallisation des kurdischen Nationalbewußtseins und der kurdischen Nationalbewegung, die die mit Abstand wichtigste politischkulturelle Kraft innerhalb der kurdischen Gesellschaft ist.

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