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Altkurdische Kampf-und Liebeslieder


Auteur : Hilmi Abbas
Éditeur : Bechtle Date & Lieu : 1964, München
Préface : Pages : 120
Traduction : ISBN :
Langue : AllemandFormat : 120x200 mm
Code FIKP : Liv. Ger. Abb. Alt. N°7046Thème : Littérature

Altkurdische Kampf-und Liebeslieder

Altkurdische Kampf-und Liebeslieder

Hilmi Abbas

Bechtle

Dieser „uralte Vater“ der Yezidis, die eine aus der Vorzeit übernommene Einsicht zu pflegen wähnen, ist ausgebrannt wie ein Milliarden Jahre alter Stern. Hinter diesem Gott, in Milchstraßenferne unfaßbar, wird ein „Unaussprechlicher“ geahnt.
Das vielstämmige kurdische Bergvolk, das zwischen dem Persischen Golf und dem Schwarzen Meer Iraner und Kaukasier von Arabern und Türken trennt, emp-findet sein Wesen als den lebendigen Ausläufer ältester vorderasiatischer Geistesbildung. Der Stammbaum der Kurden, der seine Wurzeln in die Kultur der Sumerer und Guti senkt, erhält seine Festigkeit durch die sakrale Schrift der Yezidis, die sich von der churritischen Schrift ableitet. Die Churriter, die als kultur- und schriftloses Volk im siebzehnten Jahrhundert vor Christus auftauchten, hatten


VORWORT

„Lieder sind gesungenes Leiden, auch Glückrausch“, sagt ein Lied der Kurden aus dem achten nachchrist-lichen Jahrhundert. In den hier vorliegenden kurdi¬schen Gesängen und Liedern aus viertausend Jahren findet sich Leid und Glück in Fülle, zudem ein tiefes, gerades Denken, aus dem eine uns fremd und eigen¬artig anmutende Idee der Göttlichkeit erwachsen ist. In den Augen der Yezidikurden hat Gott versagt, er hat abgedankt, weil sein Schöpfungswerk von Anfang an unvollkommen gewesen war. So ist es zu verstehen, daß es in einer „Anweisung für Laien“ aus dem sie-benten nachchristlichen Jahrhundert heißt:

„Wo immer Leben, hörst Du zu,
wo immer Sterben, bist auch Du!
Wir wissen nichts.
Doch was weißt Du?
Ist’s göttlich Art, das Schwebenlassen,
ist’s göttlich Rat, den wir nicht fassen.“

Dieser „uralte Vater“ der Yezidis, die eine aus der Vorzeit übernommene Einsicht zu pflegen wähnen, ist ausgebrannt wie ein Milliarden Jahre alter Stern. Hinter diesem Gott, in Milchstraßenferne unfaßbar, wird ein „Unaussprechlicher“ geahnt.
Das vielstämmige kurdische Bergvolk, das zwischen dem Persischen Golf und dem Schwarzen Meer Iraner und Kaukasier von Arabern und Türken trennt, emp-findet sein Wesen als den lebendigen Ausläufer ältester vorderasiatischer Geistesbildung. Der Stammbaum der Kurden, der seine Wurzeln in die Kultur der Sumerer und Guti senkt, erhält seine Festigkeit durch die sakrale Schrift der Yezidis, die sich von der churritischen Schrift ableitet. Die Churriter, die als kultur- und schriftloses Volk im siebzehnten Jahrhundert vor Christus auftauchten, hatten eine Mischschrift übernommen, die um 2300 vor Christus aus der sumerischen Finanzschrift und der Sakralschrift der Guti, in der noch neunhundert Jahre später Zarathustra seine Hymnen und Meditationen niederschrieb, entstanden war. Diese Tradition führt in fernere Zeiten als die Anfänge des Alten Testaments. Eine weitere Wurzel des Stammbaums kurdischer Kultur ist die Sprache, die mit dem Churritischen und Awestischen verwandt ist. Die wenigen Dokumente, welche die Hyksos, die Ägypten von 1670 bis 1570 vor Christus beherrschten, dort hinterlassen haben, sind vom Kurdischen her zu ent-ziffern.

Ein bedeutender Teil der in diesem Band gesammel-ten Dichtung geht in dem menschlichen Wert weit über ein historisch-persönliches Erlebnis hinaus und hat vitalere Funktionen als die Befriedigung literarischer Bestrebungen. Sie ist zeitlos, nicht im Sinne von Schätzen, die aus der Gruft der Gräber emporsteigen, sie ist zeitlos im Geist, und immer kann sie, wie Feuer-stein, Funken schlagen. Die Dichtung der aus dem ewigen Dunkel aufsteigenden Völkerkette, deren letz-tes Glied die Kurden unserer Tage sind, setzt, wie der niederländische Geschichtsforscher Johan Huizinga von aller archaischen Dichtung sagte, „den Kult in das Wort um. Sie entscheidet über soziale Verhältnisse, sie wird Träger von Weisheit, Recht und Sitte“. Dieser die innere Erfahrung verwaltende Dienst spricht sich am deutlichsten aus in den kultischen Gesängen der nicht-mohammedanischen Hochgebirgskurden — den heute noch lebenden fast zwei Millionen Yezidis —, in Beispielen aus der Chronik Agemistan und in der Dich-tung der Churriter.

Die Lieder des Zaza, des Bardenstammes, und der Asiri, des Ritteradels, entsprechen etwa dem, was Her-der meinte, als er sich mit den europäischen Volksliedern beschäftigt hatte: „..je wilder, das ist je lebendiger, je frei wirkender ein Volk ist (denn mehr heißt dieses Wort doch nicht), desto wilder, das ist lebendiger, freier, sinnlicher, lyrisch handelnder, müssen auch, wenn es Lieder hat, seine Lieder sein.“ Diese Lieder, die Werke des Volksgeistes oder einer Gemeinschaft sind, drücken kollektives Lebensgefühl in seiner un¬mittelbaren Auseinandersetzung mit dem Dasein aus. Dagegen sind die Werke Sengis, der beispielsweise ein Gedicht optisch als Pyramide baut, und Timur Abbas’ von künstlerischen Persönlichkeiten und von der Lust an Sprache und Formgefühl geprägt.

„Noch war der Sterne Lebensatem ungebrochen.
Der Dunkelheit Gefieder, schwebend sanft,
gab dem Geflüster rieselnder Ruinen
im nachtverhangenen Wüstental geheimes Leben.“

Wer mit solchen Worten in Schönheit Situation und Spannung schaffen kann wie Timur Abbas, der zu Beginn des dreizehnten nachchristlichen Jahrhunderts lebte, ist ein großer Meister.

Es ist Dichtung von solch persönlicher Herkunft, die auf Europa ihren großen Einfluß ausübte, nicht nur zur Zeit der Troubadoure, sondern vor allem vom Ende des 18. Jahrhunderts an für hundert Jahre. 1768 wurde Hammer-Burgstall geboren, der im Laufe seines Lebens fünfundsiebzig große und zahllose kleine Werke über orientalische Themen verfaßte. War er auch als Wissenschaftler von geringer Bedeutung, brachte er doch als der große Anreger die Lawine des Orient-Interesses ins Rollen.
Man begnügte sich bald nicht mehr mit Übersetzungen, von denen wir in Friedrich Rückerts Werk köstliche Beispiele besitzen. Wichtiger noch für unsere eigene Sprache waren die Dichtungen „im Sinne des Orients“, wie Goethes Westöstlicher Divan, die Ghaselen Platens und die sympathischen, aber heute vergessenen Lieder des Mirza-Schaffy von Friedrich von Bodenstedt, deren 148. Auflage im Jahr 1899 erschienen ist.

Um so erstaunlicher, daß die kurdische Dichtung als solche kaum erkannt und mit wenigen Ausnahmen nicht in die großen modernen Bildungssprachen über-setzt wurde. In England wurde Ende des letzten Jahr-hunderts „Mus Haf-Ras“, das Gesetzbuch der Yezidis, veröffentlicht, ferner „The Yalwa“, nicht zuverlässige Yeziditexte, die von arabischen Wissenschaftlern in Damaskus zusammengestellt worden waren. Unter der Aufsicht von Professor Kurdieff erschienen „Kurdische Fragmente“ in der Übersetzung von Ludmilla Rudenko im Mai 1963 in der Zeitung „Partisan“ und unter der gleichen Regie die Übersetzung von Urmian-texten, als Buch in Leningrad. Schließlich veröffent-lichte die Zeitung „Christ und Welt“ 1963 einige Übersetzungen von Hilmi Abbas, und mit Ausnahme dieser Gedichte dürften die hier vorliegenden der west-lichen Welt noch nicht bekannt sein.

Zu diesen Übersetzungen ist es zufällig gekommen. Als der osmanische Kurde Hilmi Abbas mir die Grund-züge der orientalischen Dichtung und Denkungsweise erklären wollte, begann er kurdische Texte zu dekla-mieren und sie aus dem Stegreif ins Deutsche zu übersetzen.

Rühren will ich die klanglose Trommel,
du Stadt ohne Mauer, Staub in der Flut —
Rühren will ich die klanglose Trommel,
du Regen ohne Wasser, Fisch ohne See —
Trommeln will ich ohne zu hören,
den Blinden nicht achtend, Licht in der Nacht,
und keiner soll wissen —
Schlaf ist nur Trotz —
Rühren will ich die klanglose Trommel
dem menschlichen Nichts —

Für mich war dies der Augenblick einer Entdeckung. Sprache und Aussage erschienen mir bedeutend. Ich hatte den Wunsch, nachzulesen, was ich gehört hatte. Da keine Übersetzungen vorhanden waren, machte sich Hilmi Abbas an die Arbeit. Die ersten Proben erschienen in einer Wochenzeitung. Der Erfolg gab Anreiz zu weiteren Übertragungen.

Hilmi Abbas-Bei, geboren 1922, ist der Sohn eines führenden Kurden, der in der türkischen Diplomatie und als Orientalist tätig war, und einer Österreicherin. Er verbrachte einen großen Teil seiner Jugend auf den Familiensitzen am Urmiansee und. am Schwarzen Meer. Von Privatlehrern wurde er nicht nur auf das europäische Abitur vorbereitet, er lernte die Sakral-schrift der Yezidikurden, die arabische, churri tische und Guti-Schrift und hatte einen großen Teil der überlieferten kurdischen Dichtung auswendig zu lernen. Nach Studien in Dresden, Kairo und Ankara trat er als Freiwilliger in das deutsche Heer ein, wurde kriegsgefangen nach Ägypten entlassen, ließ sich schließlich in Deutschland nieder und wurde deutscher Staatsbürger, jedoch ohne seine Herkunft als osmani-scher Kurde zu verleugnen. Die glückliche Tatsache, daß Hilmi Ahbas-Bei die für die vorliegende Arbeit notwendigen orientalischen Sprachen und das Deutsche als Vater-und Muttersprache beherrscht, und einem außerordentlichen Gedächtnis verdankt dieser Band sein Entstehen.

Bei den Übersetzungen wurde der Versuch gemacht, wortgetreu zu bleiben und die alte Form beizubehalten. Gelegentlich waren Kompromisse notwendig, um ein Bild verständlich zu machen; doch ging die Bemühung, wörtlich zu bleiben vor, selbst unter der Gefahr, es dem Leser dadurch nicht leicht zu machen. Nur wenige Gedichte wurden im Reim übertragen, da die Inhaltstreue zu sehr unter der Suche nach dem Reim- wort gelitten hätte. In der religiösen oder feierlichen kurdischen Dichtung ist der Reim ein Mittel, um den Laien zu fesseln. In den für die Eingeweihten be-stimmten Texten kommt der Reim nicht vor.

Wie erwähnt, sind nur wenige kurdische Texte in eine moderne Zivilisationssprache übertragen worden. Ein Querschnitt durch die dichterische Tradition dieses Zehn-Millionen-Volks wurde vor dieser Arbeit nie versucht. Kurdistan, zum größten Teil im Raum des 1918 zerstörten osmanischen Reiches gelegen, ist heute zwischen der Türkei, Rußland, Persien, Irak und Syrien aufgeteilt. Nur in der Sowjetunion wird Kurdisch in Schulen und Hochschulen gelehrt. In einer solchen Situation ist für dieses Volk das überlieferte Geistesgut, seine Lieder, Dichtung und Gesänge, ein wesentlicher Maßstab für den eigenen Wert. Es ist erlebte Nationaldichtung, wie wir sie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in fast allen kleinen Nationen Europas kannten.
Die Kraft der vorliegenden Dichtung geht aber über eine patriotische Nationalliteratur weit hin-aus. Man kann auf diese alten Schriften das Wort Hebbels anwenden, daß neue Bücher oft nichts als die Hitzblattern des Tages seien, aber „alte Bücher, die neu geblieben sind, müssen … einen großen Gehalt, sei es nun subjektiver oder objektiver Art, in sich auf- genommen haben“. Oder Herder: „Je länger ein Lied dauern soll, desto stärker, desto sinnlicher müssen diese Seelenerwecker sein, daß sie der Macht der Zeit und der Veränderung trotzen.“

Wer sich in die Dichtung der Kurden vertieft, wird erstaunt feststellen, daß er ein bisher unbekanntes Stück Weltliteratur in den Händen hat.

Anton Graf Knyphausen

Dunkle Rose, tiefe Glut,
samtverhüllte Liebestaube,
gurrend weiches Federwölkchen,
hütest noch die Traumgestalten.
Laß mit allen Schleiern fallen
alles Zögern, alle Schranken,
bis Vergehen dich umhüllt
schmerzgelöst im Aufbegehren.

Mit den Augen der Welt

Und ich schaute
und schaute
und hörte nicht die Welt —
und ich schaute
und schaute
allein mit mir
allein mit den Augen,
mit den Augen der Welt.

Denn alle Form ist nur einmal

Wenn, dem Tode geopfert
Leben unentrinnbar fließt,
trauern die Nahen ohne Trost,
nicht einer findet je den Sinn.
Wer sieht hierin die Lehre —
gezeichnet vom Opfer des Todes —
daß alle Form nur einmal ist.

Gewitter

Aufbrüllt des Donners Faust auf Erden,
fahlgleißend im vergrauten Himmel
zerbricht ein letzter Ton.
Allein geführt von End zu End
jagen nur die Wolken jäh
dem Abgrund aller Ängste steil entgegen.


Hilmi Abbas

Altkurdische Kampf-und Liebeslieder

Bechtle

Becbtle Verlag
Altkurdische Kampf-und Liebeslieder
Gesammelt und übertragen von
Hilmi Abbas mit einer Einführung von
Anton Graf Knyphausen

© 1964 by Becbtle Verlag München und Esslingen
Einband von Wolfgang Heinrichs
Gesamtherstellung Georg Wagner, Nördüngen
Gesetzt aus der Borgis Walbaum
Printed in Germany



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