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Die Hêlîn roch nach Baumharz


Auteur :
Éditeur : Ararat Date & Lieu : 1997, Winterthur - Zurich
Préface : Pages : 138
Traduction : ISBN : 3-9520545-8-5
Langue : AllemandFormat : 125x210 mm
Code FIKP : Liv. Ger. Sam. Hel. N° 297Thème : Littérature

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Die Hêlîn roch nach Baumharz

Die Hêlîn roch nach Baumharz

Suzan Samanci

ArArat Verlag

Als Zeitzeugin ihres kurdischen Landes drückt sich Suzan Samanci in ihren Erzählungen in einer kunstvollen Sprache aus. Als Schwerpunkt beschreibt sie das Leben der kurdischen Menschen, die Natur, Empfindungen und die seit Jahrhunderten andauernde Tragödie; sie stellt vielseitig das Leben der Frauen, Kinder und Männer dar. Die Natur und die Menschen sind in ihren Werken untrennbar ...


Suzan Samanci wurde 1962 in Diyarbakir geboren, wo sie heute noch lebt. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Ihre literarischen Arbeiten umfassen einen Gedichtband und drei Erzählbände in türkischer Sprache.
Sie erhielt im Sommer 1997 in der Türkei den „Orhan Kemal-Erzählungspreis“

 



ASIYE

Es roch nach Teer und Staub. Die Häuser mit den Dächern aus gewalzter Erde lagen in tiefer Stille. Bei dieser lähmenden Hitze dümpelten die Enten wie betäubt in der Schlammpfütze vor dem Bindfaden gleich rinnenden Dorfbrunnen. Das Gesumme der Bienen, die aus ihren Häusern gekrochen kamen und einen Freudentanz aufführten, machte die sengende Hitze noch eindringlicher. Im Schatten des Moscheehofes lauschten die Männer den Mittagsnachrichten. Als sie Zahit und Asiye bemerkten, die am Straßenrand standen und sich bemühten, ein Auto anzuhalten, fingen sie aufgeregt an zu tuscheln. Das Ehepaar bestieg den Bus, der vor ihnen gehalten hatte, und nahm auf der Rückbank Platz. Im Bus stank es nach Schweiß und Gummi.
Überall waren Mähdrescher zu sehen, die auf den Weizenfeldern arbeiteten. Sie entluden Weizen auf Traktoranhänger, erstickende Staubwolken wälzten sich dabei in die Luft und quollen durch die offene Tür bis ins Innere des Busses.

Asiye zog sich ihr Kopftuch über die Nase und stöhnte: "Ist das eine Hitze!"
Zahit warf unter halbgeschlossenen Lidern einen Blick in das gerötete, schweißtriefende Gesicht seiner Frau und schluckte. Dann bemühte er sich, den Blick in die Feme schweifen zu lassen, als wollte er sich vor den Gedanken retten, die ihm durch den Kopf wirbelten. Beiden war das Herz vor Kummer schwer.

Asiye trug mehrere Kleider übereinander. Ihr leidendes Gesicht war lange vor der Zeit von Runzeln durchfurcht. Es trug den Ausdruck gebrochener Würde jener Menschen, die stets bitterster Armut die Stirn bieten. Als sie die Soldaten mit Gewehren im Anschlag sah, die den Bus anhielten, stieß sie ängstlich ihren Mann an. "Ausweiskontrolle!" flüsterte sie und zog ihren vom Schweiß ganz lappig gewordenen Ausweis aus dem Ausschnitt. Die mürrisch dreinblickenden Soldaten kontrollierten die zerknitterten Papiere und verglichen sie mit einer Liste. Gelegentlich gaben sie ein einschüchterndes "Tz, tz" von sich.

Kaum hatte sich der Bus wieder in Bewegung gesetzt, hub unter den Reisenden Getuschel an. Der heiße, trockene Wind wirkte beklemmend. Asiyes Blick fiel auf die Wasserbeutel, die der Servicejunge herumreichte, sie beugte sich zu ihrem Mann und hauchte: "Wasser." Als sie den kühlen Beutel auf ihre Brust drückte, atmete sie ein wenig auf. "Dieser Weg endet ja wohl nie! Mir ist, als brenne Feuersglut in mir", stöhnte sie und hoffte auf ein tröstendes Wort ihres Mannes, als sie hinzusetzte: "Werden sie meinen Mehmet retten können?"

Ihr Mann nagte an seinen Lippen und preßte die Kügelchen seiner Gebetskette zwischen den Fingern, als wollte er an ihnen seine Wut auslassen. Aus den Augenwinkeln warf er hin und wieder einen Blick auf seine Frau, die neben ihm den Wasserbeutel auf der Brust mal hierhin, mal dorthin schob und vor sich hinmurmelte.

Als der Bus in den halbverfallenen Busbahnhof von Silvan einfuhr, war zunächst weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Vor den kleinen Ventilatoren in den staubigen Bürozimmerchen dösten ein paar Unglückliche. Die schläfrigen Händler unter den Planen, deren Farben längst von der Sonne ausgeblichen waren, hatten feuchte Taschentücher über die Köpfe gebunden. Als sie den Bus einfahren sahen, kam ein wenig Bewegung in sie. Einige Kommissionäre fingen mit mechanischen Stimmen an, ihre Waren auszurufen. Beim Aussteigen hielt Asiye sich an ihrem Mann fest, ganz schwindlig war ihr.

Sie gingen auf den Alten zu, der Ayran mit Minze aufschäumte. Zahit befeuchtete sein Taschentuch und band es sich um den Kopf. Asiye hockte sich in das Fleckchen Schatten neben dem Bus. Sie liebte Ayran sonst sehr, doch jetzt wollte er ihr kaum durch die Kehle. Höllisch glühte die Hitze. Ein paar Schritte entfernt summte eine Fliegenwolke um das Kanalisationsrohr herum, der heiße Lufthauch verbreitete ab und an den Gestank in der Umgebung. Zahit gab mit einem Kopfnicken das Zeichen zum Aufbruch. Asiye schleppte sich zum Brunnen und wusch Hände und Gesicht. Mit dem dort angebundenen Metallbecher goß sie sich ein wenig Wasser über die Brust und machte sich dann auf, ihrem rasch ausschreitenden Mann zu folgen, der sich im Gehen eine Zigarette drehte.

Links war die Straße, die ohne Gehsteig, aber voller Schlaglöcher war, von Mandel- und Maulbeerbäumen gesäumt. Sie liefen im Schatten der Bäume, Asiye murmelte vor sich hin und stöhnte. Bald kamen sie auf die Hauptstraße, hier fuhren Polizeiwagen Patrouille, und an den Ecken standen Trupps von Zivilpolizisten. An einsamen Ecken standen bärtige Männer, die ganz entrückt geistliche Melodien summten und Andacht hielten. Ein ungeladener Pferdewagen fuhr vorüber und zog eine Spur Pferdeäpfel hinter sich her. Als dem Wagen auf der schmalen Straße Traktoren entgegenkamen, die, hoch mit Haushaltswaren beladen, das Städtchen verließen, wich er in ein Sackgässchen aus. Die Traktoren wirbelten Staubwolken auf, ihr Gedröhne und das Hufgeklapper beeindruckte die Leute, die dösend vor den Lädchen auf der Straße saßen, jedoch nicht im Geringsten. Die beiden Eheleute nutzten die Schattenflächen der Läden aus, wanderten an den Dösenden vorüber und bogen schließlich ebenfalls in die Gasse ein, in die der Pferdewagen verschwunden war.

Zahit betätigte den bronzenen Türklopfer, dann wartete er einen Moment ab und klopfte noch einmal kräftiger. Von innen erklangen nun schleppende Laute von Holzpantinen. Ohne das übliche "Wer ist da?" wurde die Tür geöffnet. Die alte Frau war bemüht, ihren Schleier über sich zu ziehen, und lächelte Asiye an.

Im Haus war es kühl. An der hohen Decke war ein Ventilator mit großen Flügeln montiert. Sein gleichmäßiges Surren wurde fast harmonisch vom Ticken der mit einem Schlagwerk ausgestatteten Wanduhr begleitet.

Die alte Frau öffnete das Fenster und sagte, als fürchte sie, ihre Tochter, die auf dem Diwan schlief, und ihr Enkelchen in der Wiege aufzuwecken: "Sie hat drei Tage lang kein Auge zugetan, jetzt hat die Nählehrerin Esma ihr etwas eingegeben, damit sie schlafen kann."

Der Geruch von der eingetrockneten Blume auf dem Fensterbrett zog durch das Zimmer. Ungeduldig betrachtete Asiye ihre auf dem Diwan ruhende Schwägerin. Eine Weile wartete alles leise. Als das Baby krampfartig zu weinen begann, richtete sich die junge Frau sogleich auf. Sie sah ihrer Schwägerin ins Gesicht und stieß einen unterdrückten Schrei aus. Heftig zitternd brach sie zusammen, ihre Stimme klang merkwürdig zerrissen.

Zahit zupfte an seinem Schnauzbart. Trotz des Kummers im Herzen mühte Asiye sich, mit gefasstem Ton die junge Schwägerin zu beruhigen, und fragte: "Wie geht es ihm?"
Die junge Frau schniefte und sagte mit einem Blick auf ihre Mutter: "Es ist doch heute der dritte Tag, nicht wahr?" Ununterbrochen Gebete vor sich hin murmelnd, nickte die Mutter zustimmend. Mit matter Stimme erzählte die junge Frau nun: "Dienstag kamen zwei Journalisten. Er hatte die beiden herumgeführt und sie dann zum Tee nach Hause eingeladen.
Mehmet fuhr mit ihnen nach Diyarbakir und kam gleich darauf zurück. Am nächsten Morgen machte er sich wie immer auf, ins Büro zu gehen. Als ich die Schüsse hörte, rannte ich zum Fenster. Als ich mich hinauslehnte, sah ich, wie Mehmet am Ende der Straße zusammenbrach. Noch bevor ich hingelaufen war, hatten sie ihn ins Krankenhaus geschafft. Der Arzt ließ ihn sofort nach Diyarbakir verlegen. Das Kleine hält mich hier fest. Heute morgen riefen sie an: Er hängt noch immer an den Apparaten..."

Asiye war kreideweiß geworden, gegen das Zittern ihrer Lippen war sie machtlos. Sie rüttelte ihren Mann und war mit den Worten: "Was stehen wir hier noch herum! Los, fahren wir nach Diyarbakir!" schon aus dem Zimmer.

Auf dem ganzen Weg stöhnte Asiye. Bei den Ausweiskontrollen, die in kurzen Abständen erfolgten, öffnete sie jeweils die Augen, und immer fiel ihr dann ihr Bruder ein, wie er ging, wie er lachte, wie er sprach. Sie ließ die Blicke über die weiten Felder schweifen und versank in hoffnungsfrohen Träumen.

An der Weggabelung stiegen sie aus. Bis zur Medizinischen Fakultät mussten sie laufen. Die Sonne stand senkrecht über ihnen. Der Tigris floss als kleines Rinnsal dahin. Zu beiden Seiten des Flusses waren die Menschen auf den Melonen- und Baumwollfeldern mit Hacken beschäftigt. Aus den schattenspendenden Unterständen klangen die hungrigen Stimmen magerer Kinder.
Am Eingang zum Krankenhaus standen zahlreiche Gruppen, auch Bekannte waren darunter. Die Polizei trieb die Versammelten auseinander. Trotz aller Hartnäckigkeit gelang es Asiye nicht, hineinzukommen. In jener Nacht gingen sie in der Umgebung des Krankenhauses auf und ab, Asiye sang leise Klagelieder vor sich hin. Mit Krankenwagen und Hubschraubern wurden Verletzte gebracht, Ärzte und Krankenschwestern liefen herum.

Lachen und Stöhnen klang von Balkonen und Fenstern des Krankenhauses herab. Zahit wusste nicht, wie er seine Frau trösten könnte, er wiederholte immer nur den Spruch: "Man soll die Hoffnung auf Gott nicht aufgeben."

Unter den Kiefern fielen sie dann doch in leichten Schlummer. Der Morgen brach an, als sich Bremsgeräusche in das Summen der Ventilatoren mischten. Die armen Leute, die die Nacht an der Mauer und unter den Bäumen zugebracht hatten, waren früh auf den Beinen. Asiye dachte, als sie Zahit rauchend in die Feme blickend sah: "Im vergangenen Jahr war er es, der vom Kummer um seinen Bruder gebeugt wurde. Er aß nicht mehr und trank nicht mehr und war einfach nicht mehr in der Lage, irgendwas zu tun. Ja, er hatte recht damals..." Sie stand auf und ging auf ihren Mann zu. Liebevoll schauten sie sich an und spürten stumm ihre Verbundenheit.

Bis zur Mittagsstunde lief Asiye umher und teilte ihren Kummer mit all den Frauen, denen es ähnlich erging. Plötzlich war der Weg zur Fakultät schwarz von Menschen. Asiye schaute erschreckt hinüber und sah, wie Zahit sich heimlich die Augen trocknete. Wie versteinert stand Asiye da, als Zahit sie bei der Hand nahm und mit ihr auf die Menge zuging. Ihr Kopf war leer. Sie verstand beim Gehen kein Wort von dem, was in der Menge geredet wurde. Als sie den Namen Mehmet hörte, traf es sie wie ein Faustschlag. Sie sah nur noch Sterne, ihre Ohren rauschten, sie lehnte sich an einen Mast auf dem Gehsteig und brach zusammen: "Mein Bruder!"



Ankara im Radio

Wenn wir uns heimlich in die von Brombeeren umrankten Gärten schlichen, trugen wir Kratzer am ganzen Körper davon. Wir stopften halbreife Aprikosen und Weintrauben in unsere Taschen und verzogen uns in stille Winkel, um sie zu essen. So erwischte uns dann meist Onkel Bekir. An jenem Tag waren wir wieder auf frischer Tat ertappt worden. Als ich bange nach Hause kam, war der Hof voller Leute. Der Dorfvorsteher verlas stockend den Brief meines Vaters und übersetzte ihn gleich ins Kurdische. Wie es einer schüchternen Schwiegertochter zukam, behielt meine Mutter ihre Freude für sich. Der Brauch forderte, dass mein Vater meine Mutter mit keinem Wort erwähnte, und er hielt sich daran. Dass er aber am Schluss des Briefes nach mir fragte und Grüße an mich ausrichten ließ, machte Mutter überglücklich. "Sie sollen sich bereithalten, ich werde kommen, um sie nach Ankara mitzunehmen", lautete seine Botschaft, die sich in Windeseile verbreitete. Während meine Großmutter weinte, scherzten die anderen Frauen mit meiner Mutter: "Du kommst ins Paradies! Du wirst in einem Apartment wohnen!" Ich schlich mich nun nicht mehr in Onkel Bekirs Garten, sondern spielte beim Brunnen im Sand. Onkel Bekir hatte den Garten gewässert. Als er zurückkam, streichelte er mir über den Kopf und ließ ein paar reife Aprikosen in meine Tasche gleiten. "Iß sie zu Hause", empfahl er mir lächelnd.

Wie wunderbar war das Lächeln meiner Mutter, das jeden Abend um ihre Mundwinkel spielte, …




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