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Armee und Politik in der Türkei


Auteur : Mevlut Bozdemir
Éditeur : Dağyeli Date & Lieu : 1988, Frankfurt
Préface : Pages : 232
Traduction : Anna Zehren-Gülenç | Çait Gülenç ISBN : 3-924320-17-9
Langue : AllemandFormat : 140x210 mm
Code FIKP : Liv. Ger. Boz. Arm. N° 1189Thème : Général

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Armee und Politik in der Türkei

Armee und Politik in der Türkei

Mevlut Bozdemir

Dağyeli

Über die Rolle der türkischen Armee in der Gesellschaft und der Politik werden sehr häufig Vermutungen angestellt. Sie ist eine der zahlenmäßig stärksten Armeen innerhalb der NATO und die einzige in dieser Gesellschaft, die in den letzten 25 Jahren dreimal die Macht übernahm und kurz darauf, nach der eigenmächtigen Regelung politischer Geschäfte, diese dem zivilen Parlament freiwillig übergab.
In dem Buch »Armee und Politik in der Türkei« untersucht Mevlüt Bozdemir anhand der geschichtlichen Fakten und durch die moderne Methode der Militär-Soziologie das wechselseitige Verhältnis zwischen Armee und Politik in der türkischen Gesellschaft vom Anfang der Türkei in Zentralasien bis zur Gegenwart der Republik Türkei. Der Autor zeigt die Struktur und Rolle der Armee in den türkischen Reichen vor und nach Christi Geburt in Zentralasien und dem Osmanischen Reich und weist hin auf die Auffassung M. Kemal Atatürks und seiner Gefolgsleute über die gesellschaftliche und politische Rolle der Armee bei der Gründung der Republik Türkei und der Durchführung der kemalistischen Reformen. Er zieht dann aus all ihren Traditionen Schlüsse und versucht, das heutige Verhalten der türkischen Armee zu erläutern.
Dieses Buch ist das erste umfassende Werk in seiner Art und stieß in einschlägigen Kreisen in der Türkei wie im Ausland auf Anerkennung und großes Interesse.


Mevlüt Bozdemir, geboren 1946 in Konya, absolvierte 1970 die Fakultät für Politische Wissenschaften der Universität Ankara und promovierte 1978 an der Universität Sorbonne in Paris. Von 1978 bis 1982 war er Lehrbeauftragter an der Fakultät für Politische Wissenschaften an der Universität Ankara für das Fach »Militärische Soziologie« und lehrt und recherchiert seit 1982 in Paris über militärische Fragen. Er ist verantwortlicher Redakteur des in Paris erscheinenden Jahrbuchs »L Annee Strategique« für den Bereich des europäischen Mittelmeeres.
Im Dagyeli Verlag erschien von Bozdemir: »Das Wirtschutisimnerium der türkischen Armee: OYAK«



VORWORT

Diesem Werk, dessen Ausgangsthesen von meinen 1972-1978 in Paris geleisteten Arbeiten übernommen und später in der Türkei vervollständigt wurden, gebührt vielleicht nur ein Verdienst: Es stellt eine wissenschaftliche Abhandlung über eine Institution dar, mit der sich die Wissenschaft bis jetzt nicht in ausreichendem Maße befaßte, der aber in der historischen Entwicklung der türkischen Gesellschaft eine Schlüsselstellung zukommt.

Die Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten über die türkische Armee, insbesondere der Schriften gesellschaftlichen und politischen Inhalts, ist verschwindend gering. Warum dieses Desinteresse? Ist die Armee in der Türkei so uninteressant, daß sie eine Untersuchung nicht wert ist? Sicherlich nicht.

Starkes Interesse für das Thema Armee zeigten demgegenüber westliche Wissenschaftskreise seit den 60er Jahren in ihren Studienprogrammen, Publikationen, Kolloquien, Forschungszentren auf nationaler und internationaler Ebene. Während infolgedessen einerseits eine umfangreiche Fachliteratur zu diesem Thema entsteht,1 bilden sich andererseits allmählich zahlreiche Neben- und untergeordnete Fachrichtungen: Militärsoziologie, Soziologie der militärischen Interventionen, Kriegssoziologie, Kriegs- und Friedensforschung, Forschungen über Militärpolitik, Verteidigungspolitik, Aufrüstung, Abrüstung, Waffentechnologie, Strategie, Geostrategie, Geopolitik usw.

Daß die wissenschaftlichen Kreise in der Türkei diesen Entwicklungen befremdet gegenüberstehen, wird durch eine Art Zurückhaltung erklärt, wenn nicht durch die Angst, die das Thema den Untersuchenden zu Recht oder Unrecht einjagt. Obwohl diese Situation teilweise den Tatsachen enstpricht, bin ich der Ansicht, daß sie übertrieben dargestellt wird. Daß die für die Forschungen über die Armee unentbehrlichen Informationsquellen in hohem Maß begrenzt sind oder den Forschem vorenthalten werden, läßt sich neben der hemmenden Zurückhaltung auf ein anderes Hindernis zurückführen: Staatsgeheimnis!

Hinsichtlich des Themeninhalts bildet die Geheimhaltung eine einigermaßen universale Frage. Sowohl in normalen Zeiten als auch während der Interventionen ins politische Leben, die uns besonders interessieren, ziehen es die Armeen vor, - wie schon in Kriegs- und kriegsähnlichen Situationen - sich in Schweigen zu hüllen. Das sollte als eine natürliche Reaktion akzeptiert werden. In lebenswichtigen Situationen, wie Verteidigung der Gesellschaft oder militärische Interventionen, erscheint die Gleichnung Wissen = Macht auf der Tagesordnung. Unter diesen Umständen dominieren in jeder Gesellschaft unterschiedliche Besonderheiten. Trotz vielfältiger philosophischer Zusammenhänge ist die Geheimhaltung in diesen Zeiten eine der unentbehrlichen Regeln des Krieges und der Verteidigung.

In vielen Ländern, auch in der Türkei, übertrifft die Geheimhaltung militärischer Themen allerdings bei weitem das von den Pflichten erforderte Maß. Sie verwandelt sich in eine psychologische Tatsache. Kein Tabu kann jedoch den Erfolg garantieren. Die Tendenz, ein nichtdifferenziertes und maßloses Verbot zu erlassen, bringt vor allem den betreffenden Institutionen keinen Nutzen. Da dies sogar verhindern wird, ihre Probleme mit der notwendigen Offenheit darzulegen, kann eine derartige Interpretation von Geheimhaltung ernste Schäden verursachen.

Welche Vorteile kann es bringen, der Öffentlichkeit das Wissen über die Armee in der Türkei - wie das Thema Außenpolitik in der Vergangenheit - nicht zugänglich zu machen? In einer Welt, in der fast jedes Thema öffentlich diskutiert wird, wird die Geheimhaltungstradition und die Einschätzung der Staatsgeheimnisse die Türkei in ein Land umfunktionieren, das seine Institutionen nicht kennt, über seine Probleme nicht diskutieren kann. Dies kann man nicht als eine Denkweise auffassen, die einer modernen Gesellschaft gebührt.

In den zeitgenössischen Gesellschaften sollten die Funktionen und Schwierigkeiten der Institutionen diskutiert werden, wobei auch bestimmten institutioneilen Prinzipien und Genauigkeiten Beachtung geschenkt wird. Das nutzt in erster Linie den Institutionen. Diese Gegebenheiten erfordern es, daß auch die türkische Gesellschaft ihre Armee kennenlernen und über sie diskutieren kann.

Es ist bemerkenswert, daß die detailliertesten Studien über die türkische Armee, wegen fehlender Informations- und Diskussionsgrundlagen in der Türkei, von Ausländern abgefaßt wurden. An dieser Stelle kommen wir nicht umhin, uns die Frage zu stellen: Wie ist es um das »Staatsgeheimnis« bestellt, wenn der Staat Informationen vor seinen Bürgern geheimhält und sie Ausländern freigiebig zur Verfügung stellt? Ist es etwa nicht so, wie Professor Duverger schrieb: »Das Staatsgeheimnis verteidigt eher die Interessen derer, die den Staat für ihre persönlichen Vorteile nutzen, als die Interessen des Staates.«2

Warum auch diese Befürchtungen? Diejenigen, die Untersuchungen über die Armee anstellen wollen, werden wohl nicht zuerst mit der Abschaffung der Armee beginnen! Wie kann eine wissenschaftliche Arbeit vor dem Hintergrund einer naiven Armeefeindschaft geleistet werden? Setzt das einfache Prinzip der Wissenschaftlichkeit nicht Voraus, daß private Vorurteile und Bewertungen bei der Arbeit ausgeklammert werden müssen, auch wenn man antimilitaristischer Gesinnung sein sollte? Warum sollten nicht diejenigen, die sich aus der Tagespolitik zurückziehen konnten und sich strenger Militanz und Schlagwortfanatismus enthalten wollen, die Themen Armee, und Verteidigung mit wissenschaftlichem Emst untersuchen können? Ein derartiger Schritt würde außerdem vor allem der Armee und der Gesellschaft Nutzen bringen.

Anstatt eine billige und einfache Armee-Politik zu betreiben, sollten Militärs, Diplomaten und Wissenschaftler, die sich unmittelbar mit diesem Thema befassen, sich die Aufgabe stellen, durch Austausch und Verschmelzung ihrer Kenntnisse und Erfahrungen einen Weg des gemeinsamen Denkens in diesem Bereich zu finden. Die Zeit ist eigentlich längst reif dafür.
Es ist notwendig, daß Militärs, Zivilisten und Intellektuelle alte Junta-Assoziationen ablegen und ihre Erkenntnisse und Erfahrungen für die Mission einer konkreten Behandlung nationaler Verteidigungsfragen zusammenführen. Obwohl einige pensionierte Generäle gelegentlich Zeitungsartikel über Strategiefragen schreiben und Zivilhistoriker sich mit bestem Willen bemühen, das Thema nationale Verteidigung in der Denkweise »offizieller Geschichtsschreibung«, von der sie weit entfert sind, zu behandeln, sind die Anstrengungen bei weitem nicht ausreichend. Nicht nur wegen des Ausspruches: »Der Krieg ist eine ernste Sache, den man nicht den Generälen überlassen darf«, sollen die angesprochenen Themen nicht alleinige Sache des Militärs bleiben, sondern vor allem deshalb, weil die sehr komplizierten Fakten wie Krieg, Verteidigung und das Eingreifen des Militärs in die Politik nur durch gemeinsame Bestrebungen mehrerer Wissenschaften und die Anwendung vielseitiger Arbeitsmethoden zufriedenstellend untersucht werden können. Nur wenn Historiker, Gesellschafts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, Diplomaten und Militärwissenschaftler eine systematische Koordination ihrer Arbeit anstreben, kann das Ergebnis das Niveau zeitgenössischer Gesellschaften erreichen.

In der Arbeit, die Sie in der Hand halten, habe ich versucht, die historische Entwicklung der türkischen Armee wiederzugeben und ich wünsche, einen Anfangsbeitrag zu der erhofften Realisierung der Bemühungen geleistet zu haben.

Das Buch beinhaltet zuerst in Grundzügen die politische Geschichte der Armee, seit den Anfängen der türkischen Gesellschaft, und geht dann über zur gesellschaftlichen und politischen Analyse der heutigen Armee.

Mein Wunsch ist es, daß diese zweite Etappe zur Zeit der Wiederherstellung der türkischen Demokratie erfolgt.

Çankaya, Januar 1982



Einführung

Die moderne Türkei ist offenbar ein menschliches Labor, in dem einige bedeutende Experimente stattfinden, deren Resultate für die Demokratiebestrebungen anderer Völker förderlich sein können.

Historisch gesehen, handelt es sich bei den Türken zunächst um ein Wandervolk mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen.

Ausgehend von den Steppen Zentralasiens, in denen sie Tausende von Jahren ein bewegtes Leben führten, wurden die nomadischen Krieger schließlich in Anatolien seßhaft, nachdem sie ganz Asien durchquert und dort zahlreiche Staaten gegründet hatten.

Durch die Begegnung mit verschiedensten Völkern im Laufe ihrer Streifzüge erfuhren die Türken eine vielfältige Bereicherung auf kulturellem und religiösem Gebiet. Das erklärt ihre Toleranz und Anpassungsfähigkeit gegenüber anderen Kulturen und Glaubensrichtungen, die sie befähigten, nahezu 20 verschiedene Völker viele Jahrhunderte hindurch zu regieren und ihre Bereitschaft, Mitglieder anderer Völker, die in Europa Verfolgungen ausgesetzt waren, aufzunehmen.

Kommt, historisch betrachtet, nach einer derart langen und ereignisreichen Vergangenheit bei den Türken, ähnlich wie bei anderen Völkern, zwangsläufig der Zeitpunkt, an dem sie ihre ursprünglichen Eigenschaften und sogar ihre Identität verlieren?

Sind Sedentarisierung und Islamisierung, die das Leben der Türken in Anatolien begleiten, erste Anzeichen für ihre Nichtanpassung an die heutige Welt?
Müßten sie, da sie nicht ewig ein Krieger- und Nomadenleben führen können, nicht andere Wege der Eingliederung finden?

Wenn der Islam die Ursache für die Rückständigkeit des Landes war, hätte dann nicht der extreme-Laizismus, der einen der großen Einschnitte in die türkische Gesellschaft darstellte, diesen Zustand nachhaltig beheben müssen?

…..




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